Weil ich es wert bin – Auf dem Weg zu (m)einem Lebensziel

Weil ich es wert bin

Worum es in diesem Buch geht…

Das kann doch nicht alles gewesen sein

Auf unsere leise Frage, wie man denn zu diesem Ziel gelangen kann, gibt die Gesellschaft, in der wir leben, eine laute unüberhörbare Antwort. Sie versucht, unserem Leben durch Leistung und Arbeit, durch Konsum und Selbstentfaltung, Wert, Ziel und Sinn zu vermitteln.

Du bist wert, was du leistest.

So lautet die Zielvorgabe, nach der dann auch der Lebensstil ausgerichtet wird. Und im Umkehrschluss gilt dann: Wer nichts leistet, der ist nichts wert. „Ich habe manchmal das Gefühl, überhaupt nichts wert zu sein“, beschreibt eine junge allein erziehende Frau ihr Lebensgefühl. Sie findet trotz intensiver Bemühungen keine bezahlte Arbeit – und fühlt sich ausgegrenzt und wertlos. „Unser Kind gehört in der Schule nicht zu den Leistungsstarken – Ich muß ständig Druck machen und es gibt dauernd Krach“, schildert ein Vater die Familiensituation. „Behinderte Kinder sollen möglichst gar nicht erst geboren werden. Sie behindern das Lebensglück ihrer Eltern und fallen der Gesellschaft zur Last.“ Nach dieser unausgesprochenen aber durchaus wirksamen Devise gibt es in unserem Land eine steigende vorgeburtliche Selektion. Wer nichts leistet ist nichts wert? Und die Gesunden, Nichtbehinderten müssen fit, faltenfrei und gesund sein bis kurz vor Neunzig. Krankheit, Alter und Tod haben keinen Platz in der Leistungsgesellschaft.
Der zweite heimliche Leitsatz in unserer Gesellschaft läßt sich auf die Formel bringen:

Ich bin wert, was ich mir leiste.

Kaufen und Konsum soll die Wirtschaft auf Schwung bringen. Was das Wachstum kostet, wird dabei kaum gefragt. Die Konsumgesellschaft versucht die maßlose Sehnsucht nach Leben, die uns wohnt, an mäßigen Gütern festzumachen. Wir sind gewohnt, mit dem nötigen Kleingeld alles jederzeit kaufen zu können. Die Frage ist, was das mit unserer Seele macht. Ergibt die Fülle der Güter am Ende ein sinnvolles Lebensmosaik? Immer mehr Menschen erfahren, daß die Konsumgesellschaft die Sehnsucht nach gelungenem Leben nicht stillen kann. Ein Zeichen dafür könnte sein, daß die Zahl der Menschen mit Essstörungen Depressionen oder Drogenproblemen steigt. Aber auf Dauer läßt sich die Frage nicht verdrängen, die der Liedermacher Wolf Biermann einmal in die Worte gefaßt hat: „Das kann doch nicht alles gewesen sein, das bißchen Auto und Urlaub und Führerschein“.

Leitlinie Nr. 3 unserer Gesellschaft heißt: Nur wer sich selbst entfaltet, ist etwas wert. Selbstentfaltung und Individualismus.

Der Individualismus hat Einzug gehalten – unwiederbringlich. Die Zeit ist vorbei, in er sich Verlauf und Gestalt eines Lebens mehr oder weniger von selbst ergab. Geburt, Geschlecht und gesellschaftliche Stellung geben nicht mehr unausweichlich vor, was aus einem Menschen wird . Das ist einerseits eine große Chance. „Wir sind Kinder der Freiheit“, formuliert der Soziologe Ulrich Beck. Aber diese Freiheit zwingt uns eine Art Bastelexistens auf. Wir sind dauernd damit beschäftigt, uns unser individuelles Lebensstil-Paket zu schnüren. Die Freiheit der Wahl beinhaltet zugleich die Qual der Wahl. Viele überfordert der Zwang zur Bastelexistenz und zur dauernden Entscheidung. Der Weg von der Bastelexistenz zur Abbruchexistenz ist nur kurz. Isolation und Einsamkeit ist der Preis von Selbstentfaltung und Individualismus. Lebensabschnittpartnerschaft statt lebenslange Ehe, heißt es auf der Beziehungsebene, „hire und fire“ auf dem Arbeitsmarkt.
„Ich“ heißt das Zauberwort der postmodernen Gesellschaft. Ich muss und kann entscheiden, ich muß alles selber wissen und verantworten. Und nur wer sich selbst entfalteten kann, seine Pläne und Ziele durchsetzen kann, zeigen kann, was in ihm steckt, der hat eine Chance. Die Kehrseite der Selbstenfaltung ist die Ellbogengesellschaft. Wir bewegen uns in Richtung einer autistischen Gesellschaft, in der der Mensch krankhaft auf sich selbst bezogen bleibt, und Worte wie Solidarität und Verantwortung für andere zu Fremdworten werden.

Auf anderem Weg zum Ziel

Es liegt auf der Hand: Die Konsum- und Leistungsgesellschaft, in der Selbstentfaltung und Individualismus überlebensnotwendig sind, führt nicht zum Lebensziel Glück. Es gibt Alternativen. Aber die lassen sich nur gemeinsam finden. In kleinen, überschaubaren Gemeinschaften und Zellen von Menschen, die sich nicht fraglos vereinnahmen lassen, sondern ahnen, dass es jenseits von Leistung und Konsum und Ellbogen ein Leben gibt, das glückt und zum Ziel führt. Die ihrer Sehnsucht vom Evangelium her eine Richtung geben.
Dieser alternative Lebensstil beruht auf drei Grundlagen

1. Du bist wertvoll, weil du ein einzigartiger geliebter Mensch bist.

Ein von Gott geliebter Mensch. Ich muß meinen Wert nicht von dem ablesen, was ich leiste und was ich mir leisten kann. Das setzt Kräfte frei. Auch die Kraft, mit Krisen anders umzugehen und sie als Chance zum Neuanfang zu sehen. Vielleicht sogar die Kraft zum Loslassen von Besitz

2. Dein Leben ist sinnvoll, weil es in Gottes Zukunft aufgehoben ist.

Seit der Auferstehung Jesu ist klar: Am Ende wartet nicht der alles vernichtende Tod und auch nicht ein wie auch immer gearteter Weltuntergang, sondern Gottes Zukunft, der mich bei Namen kennt und für diese Welt Hoffnung und Zukunft hat.

3. Niemand muß auf sich selbst gestellt leben.

Gemeinschaft ist möglich. Dem Lebensstil eines a-sozialen Individualismus können Christen einen geschwisterlichen Lebensstil entgegensetzen. Die Lasten nicht stolz allein tragen, den Besitz nicht geizig allein genießen.

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