Von der Freiheit loszulassen

Wissen Sie, wie man einen Affen fängt? Ganz einfach. Man stellt einen Käfig mit engen Gitterstäben auf und legt einen Leckerbissen für den Affen hinein. Der Affe wird nur mit Mühe von außen durch die Stäbe greifen können, um sich zu holen, was er haben will. Sobald seine Hand sich um den Leckerbissen schließt, hängt er fest: Die Faust passt nicht durch die Stäbe. Er verliert seine Freiheit, weil er nicht los lässt. Im Loslassen läge die Lösung. Aber darauf kommt er nicht. Er ist schließlich nur ein Affe.

Ein drastisches Beispiel – gewiss – aber es zeigt, wie das Haben- und Besitzenwollen und das Festhalten die Freiheit gefährden. Allenthalben wird uns eingeredet: Im Festhalten, im Sichern, im Habenwollen im Festhalten liege das Glück. Aber: Wer festhält, sitzt am Ende fest. Das gilt für nahezu alle Bereiche und Dimensionen unseres Leben: Für die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, für die Beziehungen zwischen Freunden und Liebenden, für unseren Umgang mit unserer Mitwelt und für unser Leben in der Beziehung zu Gott, für das Verhältnis zu Geld und Besitz.

Leben durch Ent-bindung

Schauen wir uns den Anfang unseres Lebens an. Schon hier entdecke ich den Rhythmus von Bindung und Lösung. Vor unserer Geburt waren wir untrennbar mit unserer Mutter verbunden. Um zur Welt zu kommen, musste sich diese Bindung lösen. Ohne Abnabelung kein Leben – ohne Ent – bindung der Tod.
Bei unserer Geburt haben wir eine wichtige Urerfahrung gemacht, auch wenn sie uns nicht mehr bewusst ist, kann sie helfen, vertrauensvoll loszulassen. Wir mussten die schützende Geborgenheit des Mutterleibes verlassen, wurden hinausgepresst in Kälte und Licht. Viele halten das für das traumatischste Erlebnis überhaupt. Loslassen geht nicht ohne Schmerzen. Und dann war da zugleich neben den Schmerz des Loslassens die andere Erfahrung: Wir waren getragen, gehalten und geborgen. An dem Ort, der unbekannt war und fremd, der kalt und ungeborgen erschien, erwartete uns Wärme, Liebe und Nähe. Wir hatten das Leben verloren und gleichzeitig neues Leben gewonnen.

Wer die Luft anhält, fällt um

Diese Erfahrung, dass unser Leben nur im Rhythmus von Bindung und Lösung gelingt, machen wir mit jedem Atemzug. Wir atmen ein – und wir atmen aus. Ein Leben lang. Und dass, ohne wir das willentlich steuern müssten. Wollten wir nur einatmen ohne die verbrauchte Luft abzugeben und loszulassen, wir fielen ohnmächtig um. Verbrauchtes muß entsorgt und abgegeben werden. Stoff-wechsel ist lebensnotwendig.

Probe auf’s Exempel

Ein kleiner Selbstversuch kann die Bedeutung des Ein- und Ausatmens, des Nehmems und Loslassens eindrucksvoll belegen: Nehmen Sie sich einige Momente Zeit und atmen sie 10 Mal ein und aus. Was geschieht? Wir atmen ohne unser Zutun. Ein und aus. Ein und Aus. Es atmet in uns. Atem ist ein Geschenk. Und wenn wir genau beobachten, merken wir noch etwas anderes. Wir atmen nicht pausenlos. Nach jedem Ein- und Ausatmen entsteht eine kleine Pause. Einatmen Ausatmen- Pause. Einatmen- Ausatmen – Pause. Genau in dem Moment, in dem wir vielleicht denken: Jetzt stagniert es, jetzt geht es nicht mehr weiter, setzt der neue Atemzug ein und wir stellen erleichtert oder erstaunt fest: Es geht doch weiter. So kann unser Atem uns zum Beispiel werden: unser Leben verläuft im Rhythmus von Geben und Empfangen, von Bindung und Lösung und selbst dort, wo wir nur Stagnation, Stillstand und bedrohliche Pausen entdecken, besetzt etwas Neues ein.

Vergewisserung

Im Hebräischen, der Sprache der Bibel, gibt es für Geist Gottes und Atem nur ein einziges Wort: Ruach. Geist und Atem bedeutet dasselbe. Das ist bedeutungsvoll. Auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt: Gott haucht dem Menschen dem Atem und damit den Geist ein. Vielleicht können wir einüben, unseren Atem als freundliche Vergewisserung und als Zusage Gottes an uns zu verstehen: Du lebst ohne dein Zutun, du darfst loslassen und entdecken: Dein Leben geht weiter- auch über Zeiten des Stillstandes hinweg. Dann wäre jeder Atemzug die Vergewisserung der Güte Gottes und könnte uns helfen, dem Leben vertrauensvoll zu begegnen.

Hänschen klein – ging allein

Diese Erfahrung, dass das Leben nur im Rhythmus von Bindung und Lösung gelingt, setzt sich durch unser ganzes Leben fort. Immer wieder sind solche Ablösungen nötig, damit sich neue Lebensmöglichkeiten auftun.

Ich möchte das einmal im Blick auf das Verhältnis zu unseren Kindern durchspielen.

Eines unserer bekanntesten Kinderlieder hat die Erfahrung, das das Loslassen zum Leben notwendig ist, zum Thema gemacht: „Hänschen klein, zog allein in die weite Welt hinein – doch die Mutter weint so sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr“. Dieses Lied zeigt, wie schwer es vielen Müttern (und Vätern) fällt, ihre Kinder freizugeben. Und es zeigt eines der Mittel, die eingesetzt werden, um nicht loslassen zu müssen: „Und die Mama weint so sehr“. Das Kind ist der Trauer und den Tränen der Mutter nicht gewachsen, die jetzt kein Hänschen mehr hat. Da besinnt sich das Kind, kehrt nach Haus geschwind“, heißt es im Kinderlied.

Bindemittel Tränen

Die Frage ist: Warum weint die Mutter eigentlich? Etwa deshalb, weil sie nichts mehr zu tun hat, wenn sie kein Hänschen mehr hat? Etwa, weil Hänscshen ihr lebensinhalt gewordenist. Weil sie sich in ihm verwirklichen will? Weil er vielleicht das einzige in ihrem Leben ist, was wirklich ihr gehört, was sie hervorgebracht hat? Etwa, weil sie sich über ihr Hänschen definiert und versteht ?Ohne Hänschen wäre die Mutter wäre gezwungen, für den Rest ihres Lebens einen eigenen neuen Lebensentwurf zu finden. Sie müßte sich der Frage stellen: Wer bin ich ohne mein Kind?

Es kommt darauf an, dass ich ein Kind innerlich freigebe. Von Anfang an. Es gehört mir ja nicht. Es ist mir nur für eine Wegstrecke anvertraut. Eine Dauer- Bindung wird nämlich zur verhängnisvollen Fessel für beide Seiten. Eltern, die nicht loslassen, hindern ihr Kind daran, sich die Welt zu erobern und sich seine eigene Welt aufzubauen. Und sie verhindern auch ihre eigene Weiterentwicklung.

Loslassen in kleinen Schritten

Wer von Anfang an die vielen kleinen Schritte der Loslösung bewußt wahrnimmt und sie sogar dankbar bejaht, hat es mit dem endgültigen Loslassen leichter. Solche Loslösungschritte fangen etwa mit dem Abstillen an. Sie gehen mit den ersten selbstständigen Schrittendes Kindes weiter, eine Übernachtung außer Haus gehört genauso dazu wie der Eintritt in den Kindergarten, die Einschulung, und und… Wer nur wehmütig seufzt, ach, wie war das doch schön, als die Kinder noch klein waren, versäumt es, die Freiheiten zu nutzen, die für mich als Mutter (oder Vater) in diesem Prozeß liegen.

Zu neuen Ufern aufbrechen

Sobald das erste Kind da ist, sollte ich mir überlegen, was meine Identität außer und neben der Mutterrolle ausmacht. Ich kann dann rechtzeitig den nächsten Schritt für mein weiteres Leben planen

Fragen:

Was will ich in zehn Jahren tun? Was kann ich zur Vorbereitung für meine nächste Lebensphase jetzt schon tun? Was kann ich jetzt schon denken, tun und planen, um diese nächste Phase in meinem Leben vorzubereiten? Welche Erfahrungen warten noch auf mich? Was gibt es neu zu entdecken? Was kommt für mich, wenn die Kinder größer werden? Will ich warten, bis ich Großmutter bin und dann die Mutter- Rolle unter leicht veränderten Vorzeichen weiterspielen, oder nehme ich schon neue Ufer ins Visier.

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