Portrait: Rania Salsaá

„Ich gelte in Beit Jala als halbe Deutsche…“
oder: …mit Gottes Hilfe denkende Menschen erziehen

Nein, sie hat es „keine Minute“ bereut, zurückgekehrt zu sein in ihre schwierige Heimat Palästina. Als Rania Salsaá nach neun Jahren Leben und Studium in Deutschland vor zweieinhalb Jahren in ihre Heimatstadt Beit Jala nahe Bethlehem zurückkehrte, hatte sie im Gepäck ihr Staatsexamen als Lehrerin für Deutsch und Geschichte, das Diplom für Erwachsenenbildung ein Examen als C- Kirchenmusikerin, und das Selbstbewusstsein, als Frau etwas zu gelten und zu können. 

Leichten Herzens ist sie nicht gegangen, schließlich ließ sie Freunde zurück. Etwa Dagmar und Ulrich Daske, bei denen sie während des Studiums wie eine Tochter aufgenommen worden war und die Leute aus der Gummersbacher Kantorei, wo sie ihrer Liebe zur Musik“frönen“ konnte. Sie ließ ein Leben ohne Ausgangssperren und ohne die Angst vor israelischem Militär und Attentaten zurück. Gewiss, hin und wieder hatte sie die gängigen Vorurteile gegen Palästinenser als steinewerfende, fanatisierte Muslime zu spüren bekommen. „Ich bin eine Palästinenserin, aber ich trage keine Bombe am Körper“, so versuchte die zierliche, kaum 1,60 m große junge Frau dann die Situation zu entspannen. Denn Rania Salsaá war und ist weder fanatisiert, noch ist sie Muslimin. Die Katholikin gehört zur weithin vergessenen christlichen arabischen Minderheit in Palästina, die durch Abwanderung der jungen Generation immer kleiner wird.

Anders als viele jungen Palästinenser, die im Ausland studiert haben – wollte Rania nicht in Deutschland bleiben. Das liegt nicht in erster Linie an ihrer Bindung an Familie und Heimat, sondern an dem, was sie ihre Lebensberufung empfindet. Sie will etwas ändern in ihrem Land, will sich einsetzten für Gerechtigkeit und Frieden zwischen Christen und Muslimen, zwischen Juden und Arabern, Israelis und Palästinensern.

Sie teilt den Traum ihrer Landsleute von einem selbständigen Staat Palästina, in dem die Menschenrechte für alle gelten. Und weil das so ist, hat sie sich entschlossen, auch die Leiden ihrer Landsleute zu teilen – und ist zurückgegangen. Die Katholikin setzt darauf, dass Bildung etwas verändern kann. „Diejenigen, die gelernt haben, nachzudenken, zu forschen, sich nicht abwimmeln zu lassen, müssen zurückkehren, um unseren Leuten zu sagen: Es gibt einen Weg jenseits von Gewalt und Gegengewalt. Wenn wir gebildeten jungen Palästinenser außer Landes bleiben, dann bietet das den Unterdrückern – egal wer immer das ist – die Möglichkeit, die Palästinenser als einen Haufen ungebildete Fanatiker abzutun. Aber wenn man denkende Menschen findet, kann man das nicht so nicht leicht sagen“, sagt sie. Und so versucht sie, „mit Gottes Hilfe“ denkende Menschen zu erziehen. Dabei macht sie sich keine Illusionen darüber, dass Erfolge schnell sichtbar sein werden, denn Gewalt und Hass, Angst und Ideologie sitzen tief- auf allen Seiten.

Mit Begeisterung unterrichtet Rania Salsaá Deutsch und Geschichte an Der Name der Schule, die eine der wenigen größeren Arbeitgeber der Region ist, ist auch heute noch Programm: Thalita kumi heißt übersetzt: „Mädchen steh auf“. Heute drücken hier 850 palästinensische Mädchen und Jungen gemeinsam die Schulbank „Wir setzen auf Dialog. Das beginnt schon damit, dass wir Kinder aus christlichen und muslimischen Familien gemeinsam unterrichten. An unserer Schule ist kein Platz für Fanatismus“, betont Rania Salsaá.

Auch wenn Renia Salsaás Gehalt nur knapp über dem liegt, was während des Studiums als Stipendium zur Verfügung hatte, schätzt sie sich angesichts von 60 Prozent Arbeitslosigkeit glücklich, eine Stelle zu haben. Ihr Gehalt geht ganz selbstverständlich in die Familienkasse. Denn die verwitwete Mutter ist mittellos, und Ranias Schwester noch in der Ausbildung.

Schwieriger als die finanziellen Einschränkungen zu akzeptieren, war es für die selbstbewusste Rania, ihre in Deutschland erworbene Selbständigkeit auch in ihrer männerdominierten Kultur zu leben. Schon äußerlich fällt sie auf mit ihrer flotten Kurzhaarfrisur und in Jeans. „Lass dir die Haare wachsen – sonst kriegst du nie einen Mann“, riet ihr eine Kollegin. Aber Rania ist gar nicht darauf aus, schnell „an den Mann“ gebracht zu werden. Zumal geeignete Kandidaten Mangelware sind. Gebildete junge Christen bleiben häufig im Ausland. Einen Muslimen zu heiraten, das kann sie sich nicht vorstellen, zumal es im Land keine zivile Eheschließung gibt.

„Ich gelte in Beit Jala als halbe Deutsche“, sagt sie lachend „Alles odnungsgemäß, formvollendet und perfekt machen zu wollen, dass ist sehr, sehr typisch für mich. Wahrscheinlich lege ich mehr als manche Deutsche Wert auf Ordnung und Pünktlichkeit. Aber ich denke, das brauchen wir in unserer Gesellschaft“, sagt sie.

Allein zu wohnen- das ist für eine unverheiratete junge Palästinenserin nahezu undenkbar – und so ist Rania wohl oder übel wieder zu ihrer Mutter gezogen. Der fällt es nicht immer leicht, wenn die Dreißigjährige sich abgrenzt gegen mütterliche Ratschläge: wie „Iss was, arbeite nicht zulange, bleib nicht zu lange weg“. Dennoch unterrichtet Rania ihre Mutter darüber, wann sie, mit wem, wohin geht. Auch wenn die Möglichkeiten, in Beit Jala irgendwohin zu gehen, nicht gerade groß sind. Gerade mal sieben Kilometer klein ist der Radius, in dem Rania Salsaá sich frei bewegen kann, ehe sie an den nächsten israelischen Check Point mit aufwändigen Passkontrollen, Leibesvisitationen und endlos langen Wartezeiten kommt. Da kann der 12 km kurze Weg bis Jerusalem schon mal einen halben Tag und länger dauern. Die nächste israelische Siedlung liegt in Sichtweite ihres Hauses. Hinzu kommt die bis zu zehn hoher Mauer, die auch an Thalita Kumi vorbei führt. Als „Sicherheitszaun“ gegen Terror und Selbstmordattentäter rechtfertigen die Israelis das 700 km lange, enorm teure Bauwerk. Die Mauer entsteht nicht entlang der Grenzen von 1967, sondern führt vielerorts tief durch palästinensisches Land. Sie schnürt viele Orte vom Umland ab und schneidet Bauern von ihrem Land ab. „Da wird eine Mauer gebaut, und die Welt schaut zu. Aber ich frage mich, wer wird da eigentlich ghetttoisiert? Wir oder die Israelis?“, fragt Rania Salsaá- und Zorn blitzt auf in ihren großen dunklen Augen.

Zorn ist eine Energie, die sie in Arbeit kanalisiert. Rania Salsaá legt großen Wert darauf, guten Unterricht zu machen. Sie verlangt viel von sich und von ihren Schülern. Gelegentliche Ausreden wie : „Das hat doch alles sowieso keinen Zweck. Wir haben ja doch keine Zukunft“, will sie nicht gelten lassen. Zukunft gibt es aus ihrer Sicht nur mit Bildung und Ausbildung, mit der Fähigkeit zum Dialog und dem Wissen um die eigenen Rechte. Und genau das sollen die Schüler bei ihr lernen. Manchmal allerdings fühlt sie sich machtlos. Wie im Fall der Schülerin, die wochenlang völlig abwesend im Unterricht saß und nur körperlich anwesend schien. Von den Eltern erfuhr Rania Salsaá, dass das Wohnhaus der Familie von israelischen Bulldozern zerstört worden war. „Dann bedauere ich, dass ich als Lehrerin nicht therapeutisch ausgebildet worden bin“.

Die seltenen Besuche in Deutschland sind für Rania Salsaá ein Highlight. Für Dagmar und Ulrich Daske, ihre Gummersbacher Schul-Pateneltern, bei denen sie während des Studiums lebte, bringt es zahllose Behördengänge und unsäglichen Papierkrieg mit sich, wenn sie ihre Patentochter heute einladen. Rania muss von Jordanien aus fliegen, denn den israelischen Flughafen kann sie als Palästinenserin nicht nutzen. Das ist strapaziös, zeit-, nerven- und kostenaufwändig. Als sie im Sommer mit dem Schulchor nach Deutschland unterwegs war, um dort über ihre Schule und ihre Heimat zu informieren, wurde die Gruppe von israelischen und palästinensischen Behörden gleichermaßen misstrauisch gefilzt. Rania. Salsaá nimmt auch das in Kauf. „Wenn ich dazu beitragen kann, dass sich etwas ändert und wenn es ein paar Leute gibt, die Anteil nehmen an dem, was in meiner Heimat geschieht, bedeutet mir das viel“.

Karin Vorländer

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