Frieda Schindelin, Pastorin

Buch-Cover Frieda Schindelin
Ein Blick ins Buch…

Vorbemerkung

„Wer hätte vor sechzig Jahren daran gedacht, dass mein Werdegang noch einmal für die Nachkommen von solchem Interesse sein würde? Das Leben war so bunt und bewegt, und ich an schriftlichen Aufzeichnungen darüber gar nicht interessiert, dass es jetzt schwierig ist, alle Fragen zu beantworten,“

schreibt die neunundneunzigjährige Frieda Schindelin 1994 an die Theologin Ilse Härter (geb. 1912), die zur Geschichte der frühen Theologinnen recherchierte und natürlich auch bei der ersten Pfarrerin im Rheinland um Auskunft bat.

Frieda Schindelin selbst hätte wohl kaum Wert auf eine Biografie gelegt. Das brachte Oberkirchenrat i.R. Hans-Ulrich Stephan, dem Frieda Schindelin wollte kein Aufsehen um ihre Person – aber sie sorgte für Aufsehen, weil sie eine Persönlichkeit war.“
Frieda Schindelin gehört zur Generation der frühen Theologinnen in der evangelischen Kirche. Sie hat ihre Ausbildung und ihren Dienst in einer Zeit begonnen, in der die Pfarrerin als Mitarbeiterin in der Kirche von den wenigsten willkommen geheißen wurde. Ein besonderes Kennzeichen dieser Frauen scheint es zu sein, dass viele von ihnen erstaunlich alt geworden sind: Um nur einige zu nennen: Doris Faulhaber 1907-1991, Elisabeth Grauer 1904-1995: Ina Gschlössl 1898-1989; Annemarie Rübens: 1900-1991, Ilse Härter geb. 1912.

Ob das Geheimnis von so viel Vitalität darin liegt, dass diese Frauen ihre Arbeit stets als sinnvoll empfanden, oder ob es der Kampfgeist war, den sie aufbringen mussten, um in einer Kirche zu arbeiten, in der sie als Frauen einfach nicht vorgesehen waren, oder darin, dass sie unverheiratet blieben, weil die Doppelrolle von Ehefrau und Theologin kaum zu leben war, vermag ich nicht zu sagen.

Wer den Spuren nachgeht, die Frieda Schindelin ohne Zweifel etwa durch die von ihr entwickelte Methode der Bibelarbeit bei unzähligen Frauen in der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland und mit ihrer großzügigen Stiftung für das Haus der Stille hinterlassen hat, entdeckt eine Frau, die zeitlebens viel lernen wollte und die zeitlebens viel gearbeitet hat – fast bis zum Ende ihres ungewöhnlich langen Lebens. Und er entdeckt eine leise, aber zähe Pionierin, eine Vertreterin der ersten akademisch gebildeten Frauengeneration, die mit Selbstbewusstsein, in großer innerer Selbstverständlichkeit und ohne Bitterkeit einen Weg gegangen ist, der keineswegs selbstverständlich und keineswegs einfach war. Als erste Volltheologin im Rheinland hatte sie als Frau in der Kirche um Anerkennung zu kämpfen – und hat nach außen nie viel über die Verletzungen gesprochen, die sie dabei erlitt.

Frieda Schindelin war zwar eine der ersten Pastorinnen im Rheinland – aber Feministin wird man sie nicht nennen dürfen. Es ging ihr, wie sie es ausdrückte, „um die Sache“ – und es ging ihr um die Menschen. In dem Maß, wie sie lernte, in die Bibel hineinzuhorchen, wurde sie auch fähig, sich in andere Menschen hineinzufühlen – und so wurde die Theologin zur Seelsorgerin – und blieb es bis ins hohe Alter.

„Nüchtern-fromm“, so beschreiben Weggefährten diese ungewöhnliche Christin. Tief verwurzelt in der Schrift und darum bemüht, anderen den Glauben nahe zu bringen, trug Frieda Schindelin ihren Glauben dennoch nicht mit gängigen Formulierungen auf den Lippen.

Zwei Kriege hat sie miterlebt, und im Laufe der fast 103 Jahre ihres Lebens musste sie sich mit einem atemberaubenden Wandel in Alltagsleben, Gesellschaft und Theologie auseinander setzen. Sie hat sich dem Neuen stets gestellt – ohne dabei dem jeweiligen „Zeitgeist“ aufzusitzen. Sie wusste zu unterscheiden zwischen modischen Neuerungen und nötigem Um- und Mitdenken. So hat sie noch im hohen Alter sowohl den Computer als auch die christliche Meditation kennen gelernt. Den ersteren hat sie als für sich unnötig, die letztere als lebenswichtig für die Kirche erkannt und nach Kräften gefördert.

Ihre große kenntnisreiche Liebe zur Bibel prägte ihre Tage bis zum Ende ihres Lebens. Eines Lebens, das sie selbst trotz aller Widerstände als glücklich bezeichnet hat und das am Ende erfüllt war von der Sehnsucht „heimgehen zu dürfen“ – auch wenn sie in den letzten Tagen Zweifel zu schmecken bekam.

.Frieda Schindelin hat kaum schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen. Auch wer Bilder aus ihren frühen Jahren sucht, wird vergeblich suchen:
„Eben habe ich meine Fotosuche beendet – mit negativem Erfolg. In der Zeit der „bekennenden Kirche“ hat man nicht so „drauflos“ (wie heute) geknipst. Wir waren alle arm, sehr beschäftigt und im Krieg“,

musste Frieda Schindelin im Februar 1994 Ilse Härters Bitte um Fotos negativ bescheiden. Auch wer im Archiv der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland nach schriftlichen Unterlagen, wie etwa nach ausformulierten Bibelarbeiten von Frieda Schindelin., fahndet, wird nicht fündig: Die erste und älteste Pfarrerin im Rheinland hat – abgesehen von zwei Kartons mit Exzerpten und Notizen zu Bibelarbeiten – so gut wie nichts Schriftliches hinterlassen. Sie hat sich zwar stets sehr detailliert und gründlich vorbereitet – aber sie hatte niemals ein ausgearbeitetes Konzept in der Tasche, das sie dann wortwörtlich vorgetragen hätte. Dazu hat Frieda Schindelin viel zu sehr im Gespräch gearbeitet und vom Dialog mit den Frauen gelebt, mit denen und für die sie Bibelarbeiten gehalten hat.

Zum Glück gibt es neben den spärlichen schriftlichen Quellen – wie etwa den in ihrer gestochen klaren Handschrift geschriebenen Lebenslauf – auch Tonmaterial. Denn Frieda Schindelin hat auf Bitten ihrer Nichten und Neffen bei ihrem 85. Geburtstag im Familienkreis aus ihrem Leben erzählt. Und es gibt Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die sie erlebt haben und die gerne bereit waren, mir zu schildern, wer.Frieda Schindelin für sie gewesen ist. Ihnen gilt an dieser Stelle mein Dank. Allen voran dem Neffen Jürgen.Schindelin. († 2001) und seiner Frau Maria, die mir die Kassette mit. Frieda. Schindelins Lebenserinnerungen zur Verfügung gestellt haben und mir in langen Gesprächen Auskunft gaben. Der Dank gilt ebenso Ursula Wörmann, Ilse Voigt, Renate Kirsch, Hans-Ulrich Stephan und Renate Voswinkel für ausführliche Gespräche. Ilse Härter stellte mir ihre Unterlagen über. Frieda Schindelin zur Verfügung und gab aus eigenem Erleben Einblick in die spannende Geschichte des Kampfes um die Frauenordination.

Weil Frieda Schindelin sehr alt geworden ist, wird es zunehmend schwierig, Zeitzeugen zu befragen – viele sind inzwischen selbst hochbetagt oder schon verstorben. Der Einblick in ihre Personalakten beim Landeskirchenamt in Düsseldorf war aus Gründen des „postmortalen Persönlichkeitsschutzes“ nur mit Sondergenehmigung und besonderen, einschränkenden Auflagen möglich.

In der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland, für die. Frieda Schindelin 27 Jahre gearbeitet hat, „ist die Aktenlage in jeder Hinsicht schwierig“. Hinzu kommt, „dass Frauen wie. Frieda Schindelin sich einfach nicht wichtig nahmen“ bedauerte Heidemarie Theiss, Referentin für Verbands- und Öffentlichkeitsarbeit mir gegenüber. Wichtige Unterlagen sind mit dem Bombenangriff vom 30. Mai 1943 auf Wuppertal, bei dem auch die Zentrale des Verbandes zerstört wurde, verloren gegangen, andere befinden sich, so vermutet Heidemarie Theiss, wohl im Besitz des langjährigen Leiters der Frauenhilfe Fritz Mybes und sind auch für die Frauenhilfe nicht zugänglich.

Ein Glücksfall sind die Postkarten aus den Jahren 1960 bis 1998, die aus Frieda Schindelins Altersfreundschaft mit Marie-Luise Goldberg (1901-2000) erhalten geblieben sind und die mir der Sohn Eckhard Goldberg zur Verfügung gestellt hat. Sie geben Einblick in das private Leben von. Frieda.. Schindelin..

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