Die Midlife-Chance – Frauenschritte in der Lebensmitte

Midlife-Chance

Ein Blick ins Buch …

Einleitung

„Früher waren die Frauen in Ihrem Alter schon tot. Aber heutzutage haben sie noch ihr halbes Leben vor sich. Und Sie wollen doch bestimmt noch lange aktiv bleiben!“ Mit diesem Argument versuchte meine Frauenärztin mir die Verschreibung eines Hormonpräparates plausibel zu machen, gegen das ich mich sträubte. Ich war Mitte vierzig und fühlte mich eigentlich ziemlich gesund. Bei der jährlichen Routine- Vorsorgeuntersuchung allerdings wiegte die Frauenärztin dennoch bedenklich den Kopf und meinte, mich nach entsprechender Blutanalyse und aufwändiger Untersuchung der Knochendichte darauf hinweisen zu müssen, dass mein Hormonspiegel sinke und die Osteoporosewerte gerade mal im Normbereich lägen. Die Befunde entsprächen zwar ganz meinem Alter, aber immerhin … Die Wechseljahre zögen am Horizont herauf. Doch dagegen könne man heutzutage ja etwas tun. Früher hätten viele Frauen kaum die Fünfzig erreicht: Harte Arbeit, viele Geburten, schlechte Gesundheitsvorsorge – da seien die Jahre, die heute die zweite Lebenshälfte der Frauen ausmachen, einfach ausgefallen. Aber weil heute viele Frauen mit „vierzig plus“ noch mal so richtig durchstarten, seien Hormone das gegebene Mittel, um auch körperlich fit zu bleiben, argumentierte sie.

Tatsächlich wurden um das Jahr 1900 die Menschen in Deutschland durchschnittlich gerade einmal 47 Jahre alt. Da konnte in den Jahren um die vierzig tatsächlich die Angst ausbrechen: Wie viel Zeit bleibt mir denn noch?
Vor knapp hundert Jahren war man weit entfernt vom biblischen Altersmaß: „Unser Leben währt siebzig Jahre und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre.“ (Psalm 90, Vers 10) Heute kommen wir den biblischen Altersvorgaben schon beachtlich nahe, denn inzwischen liegt die Lebenserwartung für Frauen bei 79 Jahren, die der Männer bei 73 Jahren.

So kommt es, dass die Jahre um die vierzig heute tatsächlich die Lebensmitte markieren. Auch wenn im Bewusstsein vieler Zeitgenossen die Jugendphase immer länger dauert. Noch vor 25 Jahren antworteten die meisten auf die Frage: „Was stellen Sie sich unter einem jungen Erwachsenen vor?“: „Ein junger Erwachsener ist zwischen 18 und 24 Jahren alt.“ 15 Jahre später lautete die Antwort: „Ein junger Erwachsener ist so um die vierzig“. Wobei 45-Jährige beim Arbeitsamt schon als schwer vermittelbar gelten. So scheint sich der Übergang vom Jung-Erwachsenen zum Jungsenior nahtlos zu vollziehen.

Wir haben viele Lebensjahre hinzugewonnnen. Ein Geschenk, das zugleich eine Aufgabe mit sich bringt. Denn die zweite Lebenshälfte kann nicht und muss nicht einfach die nahtlose Fortschreibung und Fortsetzung der ersten sein. Auch wenn die uns um umgebende Jugendkultur, in der besonders die Frauen bis knapp vor neunzig fit, faltenfrei und schön zu sein haben und in der man für die Programmgestaltung der lokalen Radioprogramme und der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender jenseits der 49 schon „gestorben“ ist, uns das einreden will.

Bis vor noch gar nicht so langer Zeit waren die Jahre der Lebensmitte besonders für Frauen überwiegend negativ besetzt. Das Stichwort von der Midlife-Crisis, von der Krise in der Lebensmitte, beherrschte die Diskussion und das Lebensgefühl vieler Frauen. Nach dem Motto: „Von nun an geht’s bergab“ war die Lebensmitte oft mit Assoziationen von abnehmenden Kräften, schwindender Attraktivität, nachlassender Lust und fehlender Lebenslust verknüpft. Diese Sicht wandelt sich, weil sich die Sichtweise und das Lebensgefühl vieler Frauen in der Lebensmitte wandelt. Sie sind selbstbewusst, haben das Gefühl, dass es in Ordnung ist, so alt zu sein, wie sie sind, genießen es, in der ersten Lebenshälfte Erfahrungen, Standvermögen und Sicherheit gewonnen zu haben. Sie haben Zugang zu ihrer Intuition und trauen den eigenen Gefühlen und Urteilen. Schlicht: Sie sind endlich und endgültig erwachsen und wissen, wer sie sind und was sie wollen. Sie begreifen diese Zeit als Chance für einen zweiten Start. Einen Start, der gar nicht selten auch mit Abschieden und schmerzhaften Trennungen verbunden ist: vom Gefühl, dass das Leben unendlich währt, von alten Mustern, von Abhängigkeiten und manchmal sogar von Menschen. Aber auch ein Start, der als Chance zu einem geistlichen Neuaufbruch gesehen wird, bei dem die Frauen sich in der Mitte ihres Lebens von alten Gottesbildern befreien, den Faden des Glaubens wieder aufnehmen oder erstmals knüpfen und neue geistliche Erfahrungen machen.

Viele Frauen wollen in der Lebensmitte nicht einfach fortsetzen, was vorher war. Dabei spielen auch rein biologische Gegebenheiten eine Rolle. Denn jenseits der vierzig nimmt die Wahrscheinlichkeit, Kinder zu bekommen, rapide ab. Auch wenn die Zahl der gewollt oder ungewollt kinderlosen Frauen steigt, ist Kinderhaben und Kindererziehen nach wie vor Lebensschwerpunkt vieler Frauen – zumindest bis zur Lebensmitte. Die Männer machen sich in diesem Lebensbereich weiterhin rar, denn die alten Rollen sind rigide, und die Wirtschaft pfeift auf neue Väter. Nur langsam steigt die Zahl der Frauen, die Beruf, Kinder und Karriere durchgängig vereinbaren können oder es zumindest versuchen. Die Mehrzahl der Frauen stellt ihr Leben auf Kinder ein, indem sie mehr oder weniger lange die eigene Berufstätigkeit aufgibt oder reduziert. Mit zunehmender Selbständigkeit der Kinder machen viele Frauen ernst damit, dass es ein Leben jenseits der Gebärfähigkeit gibt. Sie verabschieden sich von ihrer „Kinderzeit“ und wenden sich entschlossen Neuem zu. Sie entdecken die zweite Hälfte des Lebens als eine Zeit mit eigener Würde, Gestalt und Aufgabe. Sie entdecken die Mitte des Lebens als Chance für Neuaufbrüche, als Möglichkeit , bisher ungelebte Fähigkeiten und Träume noch ins Leben kommen zu lassen. Das geht oft nicht ohne Konflikte und Auseinandersetzungen ab, denn in der Familie und im sozialen Umfeld müssen die Karten neu gemischt werden.

Gar nicht selten sind Verluste oder Krisen der Anlass und der Hintergrund für einen zweiten Start in der Lebensmitte. Häufig müssen die Frauen auch entdecken und verschmerzen, dass der Karrierezug abgefahren ist, während sie die Kinder hüteten und sich ehrenamtlich engagierten. Aber: Die Patchworkbiographie vieler Frauen erweist sich in etlichen Fällen nicht nur als Nachteil. Während für Männer das Leitbild Vollerwerb bis zur Rente gilt, haben zumindest viele verheiratete Frauen die Wahl, ob und in welchem Ausmaß sie berufstätig sein wollen. Sie können in vielen Fällen entscheiden, ob sie sich ehrenamtlich engagieren, ob sie in Voll- oder Teilzeit berufstätig sein wollen oder ob sie sich beruflich neu orientieren und sich spät, aber nicht zu spät von den Vorgaben des eigenen Elternhauses lösen, die vielleicht bei der ersten Berufswahl den Ausschlag gegeben haben.

Allerdings finden sich Frauen auch in einer Sandwich-Situation zwischen den Generationen vor. Denn es sind die Frauen, die sich mit der Erwartung auseinandersetzen müssen, dass sie die alt gewordenen Eltern versorgen sollen, zu einem Zeitpunkt, zu dem die eigenen Kinder vielleicht endlich weniger Betreuung brauchen und Frauen nach Jahren neue Freiräume ins Auge fassen und sich auch beruflich neu orientieren wollen.

Frauen suchen in und jenseits der Lebensmitte nach neuen Lebensmöglichkeiten und Perspektiven. Denn der Weg, den noch die Frauen-Generationen vor uns mehr oder wenig freiwillig, mehr oder wenig bewusst, mehr oder weniger selbstverständlich gegangen ist, ist schon fast ganz verschlossen und erscheint einer großen Zahl von Frauen auch keineswegs als attraktiv. Für sie es ist kein Weg, nach dem Erwachsenwerden der eigenen Kinder von der Mutterrolle in die Rolle der Großmutter zu schlüpfen, die beim Kinderhüten, Wäscheflicken und wo immer sie sonst gebraucht wird, einspringt und sich freut, gebraucht zu werden. Denn in einer mobilen Gesellschaft wie der unseren wohnen die Generationen längst mit mehr selbstverständlich in räumlicher Nähe zueinander. Außerdem sinkt in Deutschland die Geburtenrate, und junge Paare werden immer später Eltern. Die Zahl der Frauen, die erst jenseits der dreißig das erste (und oft einzige) Kind bekommen, steigt. Da kann eine „arbeitslos“ gewordene Mutter lange warten, bis sie als Großmutter zum Einsatz kommt.

Die Frauen, die heute in der Lebensmitte sind, haben in aller Regel eine eigene Berufsausbildung, und wenn es bei ihnen eine die Zeit der Kindererziehung gibt, verstehen sie diese Zeit als eine begrenzte Phase in ihrem Leben, nach der etwas anderes kommt. Die Frage ist nur: Was?

Dieses Buch stellt anhand von Frauenporträts unterschiedliche Frauen-Lebens-Wege dar. Frauen, die die Lebensmitte nicht negativ unter dem Aspekt der Midlife-Krise betrachten, sondern die mitten im Leben ihre Chance für einen zweiten Start sehen und neue Schritte auf neuen Wegen gehen. Dabei handelt es sich um Momentaufnahmen, um Wege, die nach vorne offen sind. Bewusst beschränken sich diese Porträts nicht auf verheiratete Frauen mit Kindern. Denn längst gibt es keine typischen Biographien mehr. Frauen sind unverheiratet, sie sind verheiratet, geschieden oder wiederverheiratet, sie bekommen ihre Kinder sehr früh oder als „Last-Minute-Mutter“. Dementsprechend vielfältig sind die Schritte, die sie in der Lebensmitte gehen. Gemeinsam ist diesen Frauen eines: Sie sind entschlossen, ihren Weg zu gehen.

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